Freiheit der Lohnarbeiter
Ein Text über Freiheit und weshalb du als Lohnarbeiter mehr mit einem Sklaven gemein hast als du glaubst.
Freiheit. Kaum ein Wort ist so aufgeladen, so emotional besetzt, so vielfach missbraucht. Jeder hat ein anderes Bild davon. Ich möchte dir hier keins verkaufen. Ich möchte, dass du für einen Moment die Ketten spürst, die dir angelegt wurden, noch bevor du denken konntest.
Arbeitest du gern?
Oder bist du wie die meisten an deine Arbeit als notwendiges Übel gebunden? Hast du dich jemals gefragt, was du tun würdest, wenn du kein Geld verdienen müsstest? Versteh mich nicht falsch: Es gibt Jobs, für die sich das Aufstehen lohnt, die einen erfüllen, die identitätsstiftend sind. Aber für viele ist Arbeit ein Mittel zum Zweck. Sie arbeiten, um sich ihr Leben leisten zu können.
Sollen wir ein Spiel spielen? Denk an irgendeinen Beruf, jetzt öffnest du eine von dir bevorzugte Internetsuchmaschine und gibst diesen Beruf ein was ist (fast) immer der erste Suchvorschlag?
„[Beruf] Gehalt?"
Warum wohl? Weil die meisten ihre Karriere nicht danach ausrichten, ob sie für diese Tätigkeit brennen, sondern danach, was sie für ihre investierte Lebenszeit und Gesundheit herausbekommen. Das ist nicht verwerflich. Das ist das System, in dem wir leben.
### Wie würdest du einen Menschen nennen, der nur überlebensfähig ist, wenn er arbeitet?
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Einen Menschen, der sich nachts Gedanken um die nächste Schicht macht. Der Angst hat, gekündigt zu werden, weil er dann die Miete nicht mehr zahlen kann. In meiner Welt hat dieser Mensch mehr mit einem Sklaven gemein, als ihm lieb ist, genauso wie ein Plantagenarbeiter, der arbeiten muss, um am Ende des Tages körperlich unversehrt und gesättigt ins Bett zu gehen.
Das ist keine Verharmlosung der Sklaverei des Imperialismus. Der Sklave des 17. Jahrhunderts hat sich seine Arbeit nicht ausgesucht. Du schon, oder? Du hast dich beworben, zwei Wochen auf eine Einladung zum Gespräch gehofft, und dann saß dir dein zukünftiger Chef gegenüber. Er hat dir zwar nicht wie sein Vorläufer aus dem 17. Jahrhundert in den Mund geschaut oder deine Muskeln abgetastet, aber das Prinzip ist dasselbe: Nur wer dem Arbeitgeber am nützlichsten erscheint, bekommt den Job. Alle anderen können sich woanders umschauen.
Und wenn es nicht klappt?
Dann ist das dein Problem. Hättest du dich mehr anstrengen sollen. Dich besser spezialisieren. Oder einfach erstmal umsonst arbeiten, ein Praktikum hier, eine Probezeit dort, Tribut inform von Lebenzeit zahlen, bevor du überhaupt anfangen darfst.
Was ist also aus deiner Freiheit geworden? Du landest nicht wie dein Klassengenosse im 17. Jahrhundert am Galgen. Du landest im Bürgergeld, oder in einem Job, den du nicht wolltest, mit dem du dich aber arrangiert hast.
Klar steht es dir frei, zu reisen, essen zu gehen, das Auto zu fahren, das du als Kind immer wolltest. Wenn du es dir leisten kannst.
Wenn Arbeit Freiheit bedeutet,(was historisch erschreckend stark an ein bekanntes Eingangstor erinnert) was macht dann das pakistanische Kind falsch, das zehn Stunden am Tag T-Shirts näht?
Was macht die Reinigungskraft falsch, die deinen Bürokomplex nach Feierabend säubert, von deinen Kollegen gemieden, weil sie kaum Deutsch spricht, und die für 1.600 Euro netto schuftet, weil sie Angst hat, ihren Duldungsstatus zu verlieren?
Und jetzt stell dir vor, wie viele Da Vincis uns entgehen. Wie viele Erfinder wie Nikola Teslas. Menschen, die ihre Leidenschaft nie in ihre Stärken stecken konnten, weil es die Miete nicht bezahlt, wenn sie scheitern.
Die, die ihre Freiheit tatsächlich leben, tun es meist auf Kosten anderer.
Ob du in Südamerika Kakao anbaust oder in einer Textilfabrik schwitzt: Du wirst nie so frei sein wie Giovanni Ferrero, der aufgrund deiner Arbeit Freiheiten genießt, die du dir nicht vorstellen kannst. Und das nicht trotz des Systems, sondern wegen ihm.
Wenn also Marx im Kommunistischen Manifest schrieb:
*"Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"*
dann weißt du jetzt, was er mit diesen Ketten meinte.
Lass uns sie brechen. Wir brauchen dich, Genosse.