Warum Klassenzimmer-Genosse werden
Warum Klassenzimmer-Genosse werden
In einer Welt, in der man immer härter, besser, schneller sein muss, bleibt kaum Zeit, um zu fragen: Wozu eigentlich das alles? Gehe ich meinen Weg, weil ich will, oder weil ich muss?
Warum fühlen sich die Debatten bei Markus Lanz so unfassbar weltfremd an?
Warum kümmert sich Politik nicht um das, was mich wirklich beschäftigt? Warum wird nichts gegen Armut getan? Warum entwickeln wir uns als Gesellschaft nicht weiter?
Diese Fragen können einen ganz schön runterziehen. Man steht ständig unter Druck, und das politische Wissen, das man aus der Schule mitnimmt, reicht meist nicht weiter als: Wähle Volksvertreter, die die Zustände, in denen wir leben, auf magische Weise ändern, wenn sie nur genug Stimmen für sich gewinnen. Also: Kreuz an der richtigen Stelle, fertig.
Ich bin jetzt Anfang 30 und habe mein Kreuz auf Bundesebene schon dreimal gemacht. Und obwohl ich jede Entscheidung gründlich abgewogen habe, hatte ich nie das Gefühl, dass die Regierenden in meinem Interesse handeln, obwohl genau das doch der Kern von Demokratie sein sollte. Dafür haben unsere Vorfahren doch den ganzen Aufwand nach der Französischen Revolution betrieben. Zumindest dachte ich das.
Der Marxismus liefert Antworten auf genau diese Fragen.
Und um das System zu verändern, in dem wir leben, müssen wir es erst verstehen.
Es geht um Eigentum
Das Erste, das du verstehen musst: Was in unserer Gesellschaft wirklich zählt, ist Eigentum. Marx unterscheidet dabei grundlegend drei Formen:
-Gemeineigentum: Es wird gemeinsam und auf gemeinsame Rechnung gearbeitet, die ursprüngliche Stammesform genauso wie die sozialistische Vision.
-Privateigentum: Es wird auf individuelle Rechnung oder als Kapital, zur Verwertung, gearbeitet. Im Kapitalismus ist das die Grundlage der Ausbeutung.
-Persönliches Eigentum: Im Unterschied zum kapitalistischen Privateigentum meint Marx mit „bürgerlichem" oder persönlichem Eigentum den individuellen Besitz von Konsum- und Gebrauchsgütern, dessen Abschaffung er nie gefordert hat.
Klingt erstmal trocken. Aber was bedeutet das für dich?
Eine ganz einfache Frage
Wie oft denkst du an Geld?
Ich weiß, unfassbar respektlose Frage, man spricht ja nicht über Geld, stimmt's? Lass uns trotzdem ein Szenario durchspielen, um einen entscheidenden Punkt klarzumachen.
Du sitzt an einem runden Tisch. Dir gegenüber: der alte Marx, ja, genau der mit dem Santa-Claus-Haarschnitt. Er bittet dich, deinen Geldbeutel rauszuholen und ihm zu geben. Er nimmt den größten Schein, den du dabei hast, und zündet ihn an. Einfach so.
Stell dir wirklich vor, jemand würde das tun.
Du fragst hoffnungsvoll, ob er dir das Geld ersetzt. Er lächelt nur süffisant und fragt zurück, warum er das tun sollte.
Was, wenn ich dir jetzt sage: Das Gefühl, das du in diesem Moment hast, ist dasselbe Gefühl, das ein durstiger Alkoholiker hätte, dem du das Bier wegnimmst, oder das ich vor einigen Jahren hatte, als ich noch starker Raucher war und mir jemand meine letzte Schachtel Zigaretten zerstört hätte.
Du bist abhängig. Nicht von einer Substanz, sondern von einer Ressource, die es, zumindest theoretisch, unendlich gibt. Eine Ressource, für die du, wenn du arbeitest, deine Zeit, deine Energie und mitunter deine Gesundheit eintauschst. Dein sogenannter Lohn ist innerhalb von Sekunden in Rauch aufgegangen.
Aber eigentlich brauchst du nicht das Papier. Du brauchst das, wofür es eingetauscht wird: die Erfüllung deiner Bedürfnisse.
Begrenzt versus unendlich
Deine Lebenszeit, deine Arbeitskraft, deine Gesundheit, all das ist begrenzt. Genauso begrenzt sind die Ressourcen, die du zur Erfüllung deiner Bedürfnisse brauchst: Wohnen, Essen, Kleidung, das Mango-Kiwi-Liquid in deiner Elfbar.
Nur das Tauschmittel, mit dem du das eine in das andere verwandelst, ist theoretisch unendlich verfügbar, und trotzdem bekommt jeder Mensch, der davon abhängig ist, es zu völlig unterschiedlichen Konditionen.
Wir alle verkaufen unsere eigenen, begrenzten Ressourcen, um an überlebenswichtige Dinge zu kommen. Bei manchen reicht das. Bei anderen nicht.
Und genau bei denen, bei denen es nicht reicht, lässt sich mit etwas Eigenkapital die Gefolgschaft erkaufen. Stell dir vor, du gehst zum nächsten suchtkranken Menschen in deiner Umgebung. Seine Mittel sind begrenzt, sein Einkommen unsicher oder gar nicht vorhanden, aber seine Bereitschaft, noch mehr von sich selbst zu opfern, um an seine Bedürfnisbefriedigung zu kommen, ist um ein Vielfaches höher als die eines Managers, der sich sein Koks bequem ins Taxi liefern lässt.
Was wäre dieser Mensch vor dir bereit, für 100 Euro zu tun? Was wäre ein hungernder oder ein blutender Mensch bereit für Linderung zu tun?
Der Punkt ist: Auf jeden, der sich verkauft, kommt jemand, der kauft. Und je mehr von der einen Ressource jemand besitzt, desto mehr bestimmt er die Konditionen, zu denen sich andere verkaufen müssen. Nicht weil er besonders schlau oder fleißig ist, sondern einfach, weil er am längeren Hebel sitzt. Wer schon viel hat, kann mit diesem Viel noch mehr machen, ohne selbst auch nur eine Stunde arbeiten zu müssen. Wer nichts hat, hat nur sich selbst zu verkaufen.
Und plötzlich macht es Sinn
Jetzt verstehst du, wie sich Elon Musk in die US-Politik einkaufen konnte. Wie Epstein seine Opfer dazu bringen konnte, ihm gegen Bezahlung noch mehr Opfer zuzuführen.
Wenn du von der Ressource, von der jeder abhängig ist, mehr besitzt als alle anderen zusammen, wenn du die Möglichkeit hast, diese Ressource ohne eigenes aktives Zutun zu vermehren, schneller als jeder, der vom Verkauf seiner eigenen begrenzten Ressourcen abhängig ist, je aufholen könnte, dann rückt dich das in dieser Gesellschaft näher an einen gottgleichen Status heran, als dir bewusst ist. Denn das ist Macht. Und diese Macht ist nicht im Ansatz vergleichbar mit der Macht, die dir dein kleines Kreuz alle vier Jahre am Wahlsonntag gibt.
Es kann keine Demokratie, „Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk", im Kapitalismus geben. Denn wenn eine einzelne Person mehr Ressourcen aufbringen kann als andere, kann sie auch mehr Einfluss auf alles nehmen. Weil alle von dem Tauschwert abhängig sind, von dem diese eine Person so unermesslich viel besitzt.
Warum so erklärt, nicht anders
Für alle, die sich fragen, warum ich das so bildlich erklärt habe und nicht in theoretischer Sprache mit den feststehenden Begriffen, die Kommunisten sonst benutzen: Das Ziel von Klassenzimmer ist nicht, Menschen, die bereits im marxistischen Denken stecken, etwas zu erklären, das sie längst wissen. Das Ziel ist, es allen anderen so einfach wie möglich näherzubringen.
Ich habe Marx das erste Mal Anfang zwanzig gelesen, mehr oder weniger am Anfang meiner eigenen Politisierung. Es fiel mir schwer, Das Kapital, Band 1 in seiner ganzen Tiefe zu verstehen, mein zweites Mal steht mir bald bevor. Jeder findet seinen eigenen Weg in die Theorie. Klassenzimmer soll einer davon sein.