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Kapitalismus und Natur
Warum die ökologische Zerstörung kein Versehen ist, sondern aus dem Wachstumszwang folgt.
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Teil 1: Der Wachstumszwang
Aus Lektion 4 kennen wir die Bewegung des Kapitals: G-W-G', Geld muss zu mehr Geld werden. Aus Lektion 6 wissen wir, dass jedes Unternehmen wachsen muss, um in der Konkurrenz zu überleben. Daraus folgt ein eingebauter Wachstumszwang: Das Kapital muss sich immer weiter ausdehnen, immer mehr produzieren, immer neue Märkte erschließen. Stillstand bedeutet Niedergang.
Das Problem: Dieser Zwang trifft auf einen endlichen Planeten. Unendliches Wachstum auf einer Erde mit begrenzten Rohstoffen, begrenztem Boden und einer begrenzten Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre ist auf Dauer unmöglich. Hier liegt der ökologische Grundwiderspruch des Kapitalismus.
Wie geht das System damit um? Es behandelt die Natur als zweierlei: als kostenlose Quelle und als kostenlosen Abfluss. Als Quelle liefert sie Rohstoffe, Wasser, fruchtbaren Boden, scheinbar gratis. Als Abfluss nimmt sie Abgase, Müll und vor allem das Treibhausgas CO2 auf, ebenfalls scheinbar gratis. In der betriebswirtschaftlichen Rechnung tauchen diese Naturleistungen schlicht nicht auf.
Den Fachbegriff dafür liefert die Soziologie: Externalisierung. Die Kosten der Naturzerstörung werden nach außen verlagert, auf die Allgemeinheit, auf künftige Generationen, auf die Menschen im globalen Süden. Ein Konzern, der einen Fluss verschmutzt, spart die Entsorgungskosten, den Schaden tragen andere. Solange Natur nichts kostet, lohnt es sich, sie zu verbrauchen.
Wichtig: Das ist keine Frage einzelner böser Manager, sondern der Logik selbst. Wer freiwillig auf Wachstum und billige Naturnutzung verzichtet, verliert im Konkurrenzkampf. Genau deshalb reichen Appelle an gutes Verhalten nicht aus.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 1 (1867); Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut (2016); Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise (2017).
Teil 2: Der metabolische Riss und die Klimakrise
Schon Marx dachte über das Verhältnis von Mensch und Natur nach. Er sprach vom Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur: Die Menschen entnehmen der Natur Stoffe, verarbeiten sie und geben sie verändert zurück, ein ewiger Kreislauf. Am Beispiel der Landwirtschaft beobachtete Marx, wie der Kapitalismus diesen Kreislauf zerreißt: Nährstoffe werden vom Land in die Städte gekarrt, aber nicht zurückgeführt, der Boden laugt aus.
Der Soziologe John Bellamy Foster hat daraus den Begriff des metabolischen Risses gemacht. Übertragen auf heute: Die Klimakrise ist ein solcher Riss im globalen Maßstab. Über Jahrmillionen gespeicherter Kohlenstoff (Kohle, Öl, Gas) wird in kürzester Zeit in die Atmosphäre geblasen, schneller, als irgendein natürlicher Kreislauf ihn binden kann.
Und jetzt wird es zur Klassenfrage. Die Krise ist extrem ungleich verursacht. Laut dem Oxfam-Bericht Climate Equality (2023) war das reichste 1 Prozent der Menschheit 2019 für so viel CO2 verantwortlich wie die ärmsten rund 5 Milliarden Menschen zusammen, also zwei Drittel der Weltbevölkerung. Auf der Ebene der Konzerne ist es noch krasser: Laut dem Carbon Majors Report (CDP, 2017) stehen nur 100 fossile Konzerne hinter rund 71 Prozent der industriellen Treibhausgasemissionen seit 1988.
Verursacht wird die Krise also vor allem von den Reichen und vom fossilen Kapital. Getragen wird sie vor allem von den Ärmsten: Menschen im globalen Süden, die am wenigsten zur Erwärmung beigetragen haben, leiden zuerst und am härtesten unter Dürren, Fluten und Ernteausfällen. Die Erwärmung liegt aktuell bei rund 1,1 bis 1,2 Grad über dem vorindustriellen Niveau (IPCC, 2021).
Quelle: John Bellamy Foster, Marx's Ecology (2000); Marx, Das Kapital, Bd. 1 und 3; Oxfam, Climate Equality (2023); CDP, Carbon Majors Report (2017); IPCC, Sechster Sachstandsbericht (2021/2023).
Teil 3: Falsche und echte Lösungen
Was tun gegen die Klimakrise? Die gängigste Antwort heißt grünes Wachstum: Mit Technik, Effizienz und Märkten soll die Wirtschaft weiter wachsen und gleichzeitig der CO2-Ausstoß sinken. Man nennt das Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch.
Die Kritik: Eine ausreichende absolute Entkopplung im nötigen Tempo ist bisher nirgends gelungen. Effizienzgewinne werden oft durch noch mehr Konsum wieder aufgefressen. Und Instrumente wie der CO2-Handel machen die Atmosphäre selbst zur Ware, oft mit mageren Ergebnissen. Solange der Wachstumszwang bleibt, jagt die Wirtschaft der Effizienz davon.
Deshalb setzen zwei Strömungen tiefer an. Degrowth (etwa bei Jason Hickel) fordert, dass die reichen Länder ihren gigantischen Material- und Energiedurchsatz planvoll verringern. Nicht als Verzicht aus Selbstkasteiung, sondern indem die Produktion auf das ausgerichtet wird, was Menschen wirklich brauchen, statt auf immer mehr für den Profit: weniger Werbung, weniger geplante Obsoleszenz, weniger Luxusverbrauch der Reichen, dafür gutes Leben für alle.
Der Ökosozialismus (etwa bei Kohei Saito, John Bellamy Foster und Michael Löwy) geht den Schritt zur Eigentumsfrage. Solange Produktionsmittel privat sind und der Profit regiert, bleibt der Wachstumszwang. Erst eine demokratische Planung, eine Produktion für Bedürfnisse statt für den Markt, kann die Wirtschaft in die ökologischen Grenzen einpassen. Saitos Buch über einen ökologischen Kommunismus wurde 2020 in Japan zum überraschenden Bestseller.
Beide eint die Einsicht: Die Klimafrage ist eine Machtfrage. Der Slogan "System change, not climate change" bringt es auf den Punkt. Damit sind wir bei der letzten Grundlagen-Lektion: Was tun, ganz praktisch?
Quelle: Jason Hickel, Weniger ist mehr (2020); Kohei Saito, Das Kapital im Anthropozän (2022); Michael Löwy, Ökosozialismus (2016); Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise (2017).
Glossar zu diesem Abschnitt
Vollständiges Glossar →- Degrowth
- Die Forderung, dass reiche Länder ihren Material- und Energiedurchsatz planvoll verringern und Produktion auf Bedürfnisse statt Profit ausrichten (etwa Jason Hickel).
- Entkopplung
- Die Hoffnung, Wirtschaftswachstum und Naturverbrauch voneinander zu trennen. Eine ausreichende absolute Entkopplung ist bisher nirgends im nötigen Tempo gelungen.
- Externalisierung
- Das Abwälzen der Kosten der Naturzerstörung auf die Allgemeinheit, künftige Generationen und den globalen Süden. Die Natur erscheint als kostenlose Quelle und kostenloser Abfluss.
- Geld
- Das allgemeine Äquivalent: die Ware, die als universeller Wertausdruck und Tauschmittel dient. Funktionen bei Marx: Wertmaß, Zirkulationsmittel, Schatzbildung, Zahlungsmittel.
- Grünes Wachstum
- Die Idee, mit Technik, Effizienz und Märkten weiter zu wachsen und zugleich Emissionen zu senken. Wird von Degrowth und Ökosozialismus als unzureichend kritisiert.
- Kapitalismus
- Eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel in privatem Eigentum stehen und Güter auf Märkten gegen Profit produziert werden.
- Kommunismus
- Die Vorstellung einer Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum an Produktionsmitteln, in der die Menschen gemeinsam und für ihre Bedürfnisse produzieren. Für Marx und Engels das Ziel, das auf den Kapitalismus folgen sollte.
- Ökosozialismus
- Die Verbindung von ökologischer und sozialistischer Kritik: demokratische Planung und Produktion für Bedürfnisse, um den Wachstumszwang zu überwinden (Saito, Foster, Löwy).
- Produktionsmittel
- Alles, was zur Herstellung von Gütern benötigt wird: Maschinen, Fabriken, Land, Rohstoffe. Wer sie besitzt, kontrolliert die Produktion.
- Wachstumszwang
- Der eingebaute Druck des Kapitalismus, ständig zu wachsen und mehr zu produzieren, weil Stillstand im Konkurrenzkampf den Untergang bedeutet. Stößt auf die Grenzen eines endlichen Planeten.
- Ware
- Ein Produkt, das nicht für den eigenen Gebrauch, sondern für den Tausch hergestellt wird. Sie vereint Gebrauchswert (Nützlichkeit) und Tauschwert (Wert im Verhältnis zu anderen Waren).