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Klassen und Klassenkampf
Wer besitzt, wer arbeitet, und warum das kein Zufall ist.
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Teil 1: Was ist eine Klasse?
Im Alltag denken wir bei "Klasse" an Einkommen oder Status: die "Mittelklasse", die "Unterschicht". Das marxistische Konzept ist präziser und schneidender.
Für Marx definiert sich eine Klasse nicht durch das, was jemand verdient, sondern durch das Verhältnis zu den Produktionsmitteln: Wer besitzt, wer produziert?
Diese Frage teilt die kapitalistische Gesellschaft grundlegend in zwei Klassen:
- ▸Die Bourgeoisie (Kapitalisten, Eigentümer:innen): Sie besitzen Fabriken, Maschinen, Land, Kapital. Sie müssen nicht selbst arbeiten, weil sie vom Mehrwert der Arbeitenden leben.
- ▸Das Proletariat (Arbeiter:innenklasse): Sie besitzen keine Produktionsmittel und müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, um zu überleben.
Dieser Gegensatz ist kein moralischer Makel einzelner Menschen. Er ist die Struktur des Systems. Eine nette Unternehmerin, die fairen Lohn zahlt, ist trotzdem Teil der Kapitalklasse, weil sie durch das Eigentum an Produktionsmitteln vom Mehrwert anderer lebt. Ein gut verdienender Ingenieur ist trotzdem Proletarier, wenn er kein Kapital besitzt und jederzeit entlassen werden kann.
Marx und Engels schrieben im Manifest (1848): "Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen."
Quelle: Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848); Marx, Das Kapital, Bd. 1 (1867); Erik Olin Wright, Classes (1985).
Teil 2: Klassenkampf in Geschichte und Praxis
Wenn zwei Klassen strukturell entgegengesetzte Interessen haben, Kapital maximiert Mehrwert und Arbeit kämpft um bessere Bedingungen, dann ist Konflikt keine Ausnahme, sondern die Regel.
Dieser Klassenkampf war nicht immer sichtbar, aber er war immer da. Er hat konkrete historische Errungenschaften erkämpft, die wir heute als selbstverständlich betrachten:
- ▸8-Stunden-Tag: Bis ins 20. Jahrhundert arbeiteten Fabrikarbeiter:innen 12 bis 16 Stunden täglich. Der 8-Stunden-Tag wurde durch Generalstreiks erkämpft, in Deutschland durch die Novemberrevolution 1918.
- ▸Urlaubsrecht: In Deutschland eingeführt erst nach dem 2. Weltkrieg, als Ergebnis gewerkschaftlicher Kämpfe.
- ▸Kinderarbeitsverbote: In England im 19. Jahrhundert noch alltäglich; das Verbot wurde durch Druck der Arbeiterbewegung erkämpft.
- ▸Krankenversicherung: Bismarck führte sie 1883 ein, nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern um die revolutionäre Arbeiterbewegung zu beschwichtigen.
Gewerkschaften sind die historisch wichtigste Form kollektiver Organisation des Proletariats. Sie haben, trotz heutiger Schwäche, entscheidende Verbesserungen für Millionen Menschen erkämpft.
Der Klassenkampf verläuft nicht immer in Streiks und Barrikaden. Er zeigt sich auch in Lobbyismus, Medieneigentum, Gesetzgebung und in der scheinbaren Selbstverständlichkeit mancher Privilegien.
Quelle: Eric Hobsbawm, The Age of Capital (1975); Jürgen Kuczynski, Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus; DGB-Archiv.
Teil 3: Klassen heute (Mittelstand, Prekariat, Reproduktion)
Die klassische Zweiteilung Bourgeoisie/Proletariat ist im 21. Jahrhundert nicht verschwunden, aber die Klassenstruktur ist komplexer geworden.
Der "Mittelstand" ist keine eigenständige Klasse im marxistischen Sinne. Er umfasst Lohnabhängige mit unterschiedlichen Interessen: höher Qualifizierte (Angestellte, Akademiker:innen) mit relativer Sicherheit, aber ohne Kapitalbesitz. Viele identifizieren sich nicht als Teil der Arbeiter:innenklasse, obwohl sie strukturell von Lohnarbeit abhängig sind.
Das Prekariat, ein Begriff des Soziologen Guy Standing, bezeichnet eine wachsende Schicht mit unsicheren, befristeten, schlecht bezahlten Arbeitsverhältnissen: Zeitarbeiter:innen, Minijobber:innen, Gig-Worker:innen. Sie tragen alle Nachteile der Lohnarbeit ohne die Sicherheitsnetze, die früheren Generationen erkämpft hatten.
Reproduktionsarbeit ist oft vergessen: Wer wäscht die Kleidung der Fabrikarbeiterin, kocht ihr Essen, zieht die Kinder groß? Diese unbezahlte Arbeit, überwiegend von Frauen geleistet, ist die Grundlage, auf der alle Lohnarbeit erst möglich wird. Sie erscheint im BIP nicht, wird weder entlohnt noch gesellschaftlich anerkannt. Feminist:innen wie Silvia Federici (Caliban and the Witch, 2004) haben darauf aufmerksam gemacht, dass Kapitalismus und Patriarchat hier strukturell verknüpft sind.
Quelle: Guy Standing, The Precariat (2011); Silvia Federici, Caliban and the Witch (2004); Destatis, Arbeitszeitrechnung (2022).
Glossar zu diesem Abschnitt
Vollständiges Glossar →- Bourgeoisie
- Die Klasse der Eigentümer:innen von Produktionsmitteln, die vom Mehrwert der Arbeiter:innen lebt.
- Kapitalismus
- Eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel in privatem Eigentum stehen und Güter auf Märkten gegen Profit produziert werden.
- Klasse
- Eine gesellschaftliche Gruppe, definiert durch ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nicht durch Einkommen, Bildung oder Status.
- Klassenkampf
- Der strukturelle Interessenkonflikt zwischen Klassen: Kapital will maximalen Mehrwert, Arbeit will höhere Löhne, kürzere Arbeitszeiten und bessere Bedingungen.
- Lohnarbeit
- Die Arbeit von Menschen, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und daher ihre Arbeitskraft als Ware an Kapitalisten verkaufen müssen.
- Mehrwert
- Die Differenz zwischen dem Wert, den Arbeiter:innen schaffen, und dem Lohn, den sie dafür erhalten. Er ist die Quelle des Profits. Begriff von Karl Marx.
- Produktionsmittel
- Alles, was zur Herstellung von Gütern benötigt wird: Maschinen, Fabriken, Land, Rohstoffe. Wer sie besitzt, kontrolliert die Produktion.
- Proletariat
- Die Klasse der Lohnabhängigen, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.
- Reproduktionsarbeit
- Die unbezahlte Arbeit (Kinderbetreuung, Pflege, Haushalt), die notwendig ist, damit Lohnarbeit geleistet werden kann. Wird überwiegend von Frauen erbracht.