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Krisen, warum sie wiederkehren
Krise ist kein Unfall, sondern System: von 1929 über 2008 bis zur Polykrise heute.
Übungsmodus: kein Quiz, keine XP
Teil 1: Warum der Kapitalismus Krisen produziert
Krisen wirken oft wie Naturkatastrophen oder wie das Werk gieriger Einzelner: ein paar skrupellose Banker, ein Virus, ein Krieg. Die marxistische Analyse sagt etwas Unbequemeres: Die Krise ist im System angelegt. Sie kehrt wieder, weil sie aus der Funktionsweise des Kapitalismus selbst folgt.
Der erste Grund ist die Überproduktion (oder Überakkumulation). Jedes Unternehmen muss wachsen und investieren, um in der Konkurrenz zu bestehen. Niemand stimmt das aufeinander ab, Marx nennt das die Anarchie der Produktion. In der Summe wird mehr produziert, als sich mit Profit verkaufen lässt. Lager füllen sich, Preise fallen, Betriebe machen dicht, Menschen verlieren Arbeit.
Dahinter steckt ein eingebauter Widerspruch: Um den Profit zu steigern, drücken die Unternehmen die Löhne und rationalisieren. Aber dieselben Lohnabhängigen sollen als Käufer den ganzen Berg an Waren wieder abnehmen. Was für das einzelne Unternehmen vernünftig ist (niedrige Löhne), untergräbt im Ganzen die Nachfrage. Die Quelle des Profits und die Quelle der Kaufkraft sind dieselben Menschen, und das passt nicht zusammen.
So entsteht der bekannte Rhythmus von Boom und Bust: Aufschwung, Überhitzung, Einbruch. Marx beschrieb die Krise drastisch als gewaltsame Wiederherstellung eines Gleichgewichts, das die Konkurrenz dauernd zerstört. Kapital wird vernichtet, Schwächere gehen unter, bis sich die Profitabilität für die Überlebenden wieder erholt. Die Krise ist also kein Fremdkörper, sondern die Art, wie sich das System gewaltsam selbst korrigiert.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 3 (1894); Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848); Ernest Mandel, Die langen Wellen im Kapitalismus (1980).
Teil 2: Die Mechanik, Profitrate und Finanzialisierung
Warum sinkt die Profitabilität immer wieder, obwohl alle nur das Beste für sich wollen? Marx beschrieb dafür den tendenziellen Fall der Profitrate.
Die Idee: Im Konkurrenzkampf ersetzen Unternehmen Arbeitskräfte durch Maschinen und Technik. Marx unterscheidet konstantes Kapital (Maschinen, Rohstoffe) und variables Kapital (Löhne). Nur die lebendige Arbeit, also das variable Kapital, schafft Mehrwert (siehe Lektion 3). Wenn der Anteil der Maschinen wächst und der Anteil der lebendigen Arbeit schrumpft, dann sinkt tendenziell auch die Rate, mit der sich das eingesetzte Kapital verwertet. Es gibt Gegentendenzen (höhere Ausbeutung, billigere Maschinen, neue Märkte), aber der Druck bleibt.
Was tut das Kapital, wenn das Geldverdienen in Fabrik und Betrieb stockt? Es weicht aus. Hier kommt die Finanzialisierung ins Spiel: Immer größere Summen fließen nicht in die Produktion von Gütern, sondern in Finanzmärkte, Immobilien und Spekulation, wo schneller höhere Renditen winken. Das Ergebnis sind Blasen: Preise steigen, weil alle auf weiter steigende Preise wetten, bis die Blase platzt. Genau das war 2008 der Fall, als die Spekulation mit US-Immobilienkrediten zusammenbrach.
Ein weiterer Hebel, die Krise aufzuschieben, ist die Verschuldung. Kredit erlaubt es, heute zu kaufen und zu investieren, was man erst morgen erwirtschaftet. Das hält den Laden am Laufen, türmt aber Forderungen auf, die irgendwann eingelöst werden müssen. Schulden verschieben die Krise in die Zukunft, sie lösen sie nicht.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 3, Kap. 13 bis 15 (1894); Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit (2013); Adam Tooze, Crashed (2018).
Teil 3: Krisen von 1929 bis heute
Die Geschichte des Kapitalismus ist eine Geschichte wiederkehrender Krisen, und das Muster ähnelt sich.
1929 brach an der Wall Street der Aktienmarkt zusammen und löste die Weltwirtschaftskrise aus: Überproduktion, Massenarbeitslosigkeit, in Deutschland zeitweise rund 6 Millionen Erwerbslose. Die Not bereitete den Boden für den Aufstieg des Faschismus.
2008 platzte die US-Immobilienblase und riss das globale Finanzsystem mit. Staaten retteten Banken mit gewaltigen Summen, weil sie "systemrelevant" seien. Daraus wurde die Eurokrise 2010 bis 2012: Länder wie Griechenland wurden in harte Austerität gezwungen, also Kürzungen bei Renten, Löhnen und öffentlichen Diensten.
2020 traf der Corona-Schock die Weltwirtschaft. Lieferketten rissen, das deutsche Bruttoinlandsprodukt schrumpfte um rund 4,6 Prozent (Destatis). Bezeichnend: Plötzlich war sehr viel Staatsgeld möglich, das vorher als unbezahlbar galt.
2022 folgte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine eine Energie- und Inflationskrise. Die Verbraucherpreise stiegen in Deutschland im Jahresdurchschnitt um rund 6,9 Prozent, im Oktober 2022 um rund 8,8 Prozent, in der Eurozone auf dem Höhepunkt um rund 10,6 Prozent. Für viele wurde Heizen und Einkaufen zur Existenzfrage, während einige Energiekonzerne Rekordgewinne meldeten.
Dazu kommen die dauerhaften Krisen: explodierende Mieten und Wohnungsnot, und über allem die Klimakrise, die direkt aus dem Wachstumszwang folgt. Der Historiker Adam Tooze prägte dafür den Begriff der Polykrise: viele Krisen, die sich überlagern und gegenseitig verstärken.
Der rote Faden durch all das: In der Krise werden die Verluste vergesellschaftet (Steuerzahler, Beschäftigte und Mieter zahlen), während die Gewinne der guten Jahre privat geblieben waren. Krisen disziplinieren die Lohnabhängigen. Aber sie haben eine zweite Seite: Sie reißen Risse in die Erzählung, der Kapitalismus sei natürlich und alternativlos. Genau in diesen Momenten wird Veränderung denkbar. Was man daraus macht, ist die Frage der letzten Lektion: Was tun?
Quelle: Adam Tooze, Crashed (2018) und Schriften zur Polykrise; Nancy Fraser, Der Allesfresser Kapitalismus (2022); Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit (2013); Destatis und Eurostat (BIP 2020, Inflation 2022).
Glossar zu diesem Abschnitt
Vollständiges Glossar →- Ausbeutung
- Im marxistischen Sinne kein moralisches Urteil, sondern ein technischer Begriff: die Aneignung von unbezahlter Arbeit (Mehrarbeit) durch das Kapital.
- Austerität
- Strikte Sparpolitik des Staates: Kürzungen bei Renten, Löhnen und öffentlichen Diensten, oft als Reaktion auf Krisen und meist zulasten der Bevölkerung.
- Finanzialisierung
- Die Verlagerung von Kapital aus der Güterproduktion in Finanzmärkte, Immobilien und Spekulation, wenn die Profite in der Produktion stocken. Erzeugt Blasen.
- Kapitalismus
- Eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel in privatem Eigentum stehen und Güter auf Märkten gegen Profit produziert werden.
- Mehrwert
- Die Differenz zwischen dem Wert, den Arbeiter:innen schaffen, und dem Lohn, den sie dafür erhalten. Er ist die Quelle des Profits. Begriff von Karl Marx.
- Polykrise
- Begriff (unter anderem von Adam Tooze) für mehrere Krisen, die sich gleichzeitig überlagern und verstärken, etwa Finanz-, Energie-, Wohnungs- und Klimakrise.
- Überakkumulation
- Zu viel Kapital sucht profitable Anlage, findet sie aber nicht mehr. Eng verwandt mit der Überproduktion und ein Auslöser von Krisen.
- Überproduktion
- Es wird mehr produziert, als sich mit Profit verkaufen lässt, weil die Konkurrenz die Produktion nicht aufeinander abstimmt. Eine zentrale Ursache kapitalistischer Krisen.
- Wachstumszwang
- Der eingebaute Druck des Kapitalismus, ständig zu wachsen und mehr zu produzieren, weil Stillstand im Konkurrenzkampf den Untergang bedeutet. Stößt auf die Grenzen eines endlichen Planeten.
- Widerspruch
- In der Dialektik kein Denkfehler, sondern das Nebeneinander gegensätzlicher Kräfte oder Seiten in ein und derselben Sache. Dieser innere Gegensatz treibt Veränderung an, zum Beispiel der Widerspruch zwischen Anstrengung und Erholung beim Training.