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Arbeit, Wert und Mehrwert
Woher kommt Profit wirklich, und was passiert dabei mit unserer Arbeit?
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Teil 1: Was ist Arbeit, und was schafft sie?
Arbeit ist mehr als das, was wir für Geld tun. In der marxistischen Analyse hat sie eine spezifische Doppelnatur: Sie schafft sowohl Gebrauchswerte als auch Tauschwerte.
Ein Tischler, der einen Tisch baut, schafft etwas Nützliches (Gebrauchswert: man kann daran sitzen). Gleichzeitig kann der Tisch gegen andere Waren getauscht werden. Er hat einen Tauschwert, einen Preis.
Woher kommt dieser Wert? Nicht aus dem Material allein, nicht aus Maschinen allein. Marx argumentiert (und baut dabei auf Adam Smith und David Ricardo auf): Der Wert einer Ware wird bestimmt durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit, die zu ihrer Herstellung benötigt wird. Das ist nicht die Arbeitszeit einer besonders langsamen oder schnellen Person, sondern der gesellschaftliche Durchschnitt: bei normaler Produktivität, normaler Qualifikation, normalen Werkzeugen.
Wenn eine Schraube im Durchschnitt 30 Sekunden Arbeitszeit kostet, ist das ihr Wert, egal ob ein bestimmter Arbeiter 20 oder 40 Sekunden braucht.
Diese Arbeitswerttheorie ist umstritten. Neoklassische Ökonomen argumentieren, Wert entstehe durch Angebot und Nachfrage. Aber sie erklärt etwas Wichtiges: Wert kommt aus menschlicher Tätigkeit, nicht aus dem Ding selbst. Und sie führt direkt zur Frage des Mehrwerts.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 1, Kap. 1 (1867); David Ricardo, Principles of Political Economy (1817).
Teil 2: Der Mehrwert als Quelle des Profits
Hier liegt der Kern der marxistischen Kapitalismuskritik, und er ist überraschend konkret.
Nehmen wir an, eine Arbeiterin in einer Schuhfabrik produziert täglich Ware im Wert von 200 €. Ihr Tageslohn beträgt 80 €. Woher kommt die Differenz?
Diese 120 € sind der Mehrwert: der Wert, den die Arbeiterin geschaffen hat, der aber nicht an sie ausgezahlt, sondern vom Kapital angeeignet wird. Sie arbeitet sozusagen einen Teil des Tages für sich (notwendige Arbeit, deckt den Lohn) und einen Teil für das Kapital (Mehrarbeit, schafft den Mehrwert).
Das Geniale und Verstörende dabei: Es ist kein Betrug. Die Arbeiterin bekommt genau den Marktwert ihrer Arbeitskraft. Der Vertrag ist formal fair. Und trotzdem fließt ein Teil ihrer Arbeit unentgeltlich an den Besitzer der Fabrik.
Marx unterschied: - Absoluter Mehrwert: Verlängerung des Arbeitstages (mehr Mehrarbeit) - Relativer Mehrwert: Steigerung der Produktivität, sodass die notwendige Arbeitszeit sinkt (der Anteil der Mehrarbeit wächst ohne längeren Tag)
Der Druck auf Löhne, die Arbeitszeitverlängerung, das Streben nach Automatisierung: all das ist Ausdruck des Strebens nach mehr Mehrwert.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 1, Kap. 7 bis 9 (1867); Michael Heinrich, Wie das Marxsche Kapital lesen? (2008).
Teil 3: Entfremdung, was Arbeit mit uns macht
Mehrwert beschreibt, was ökonomisch passiert. Entfremdung beschreibt, was es mit Menschen macht.
Der junge Marx entwickelte das Konzept in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844). Er fragte: Was passiert mit einem Menschen, der täglich Schrauben in einer Fabrik dreht? Schrauben, die er nie benutzen wird, für ein Produkt, über das er keine Kontrolle hat, für Geld, das er braucht, um zu überleben.
Marx identifizierte vier Dimensionen der Entfremdung:
- ▸Entfremdung vom Produkt: Das, was ich herstelle, gehört mir nicht. Es wird weggenommen, verkauft, ich sehe es nie wieder.
- ▸Entfremdung von der Tätigkeit: Arbeit ist nicht Selbstentfaltung, sondern Mittel zum Überleben. "In seiner Arbeit fühlt er sich nicht wohl, sondern unglücklich." (Marx, 1844)
- ▸Entfremdung von anderen Menschen: Konkurrenz statt Solidarität, andere Arbeiter:innen sind Konkurrent:innen um Jobs.
- ▸Entfremdung von der Gattung: Menschen haben das Potenzial, frei und kreativ zu produzieren. Lohnarbeit reduziert das auf mechanische Wiederholung.
Entfremdung ist heute hochaktuell: Burnout, Sinnlosigkeitsgefühle, die "Bullshit Jobs"-These von David Graeber (2018), also der Befund, dass Millionen Menschen Arbeit leisten, von der sie selbst wissen, dass sie gesellschaftlich unnötig ist. All das ist eine Form entfremdeter Arbeit.
Quelle: Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte (1844); David Graeber, Bullshit Jobs (2018); Rahel Jaeggi, Entfremdung (2005).
Glossar zu diesem Abschnitt
Vollständiges Glossar →- Arbeitswerttheorie
- Die These, dass der Wert einer Ware durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt wird. Vertreten von Adam Smith, David Ricardo und Karl Marx.
- Entfremdung
- Der Zustand, in dem Arbeitende keinen Bezug zu ihrem Produkt, ihrer Tätigkeit oder anderen Menschen haben, weil Arbeit nicht selbstbestimmt ist, sondern verkauft wird.
- Gebrauchswert
- Der qualitative Aspekt einer Ware: ihre Nützlichkeit. Ein Brot hat Gebrauchswert, weil es satt macht, unabhängig vom Preis.
- Geld
- Das allgemeine Äquivalent: die Ware, die als universeller Wertausdruck und Tauschmittel dient. Funktionen bei Marx: Wertmaß, Zirkulationsmittel, Schatzbildung, Zahlungsmittel.
- Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit
- Die Arbeitszeit, die bei durchschnittlicher Produktivität benötigt wird, um ein Produkt herzustellen. Sie bestimmt den Wert.
- Lohnarbeit
- Die Arbeit von Menschen, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und daher ihre Arbeitskraft als Ware an Kapitalisten verkaufen müssen.
- Mehrwert
- Die Differenz zwischen dem Wert, den Arbeiter:innen schaffen, und dem Lohn, den sie dafür erhalten. Er ist die Quelle des Profits. Begriff von Karl Marx.
- Solidarität
- Das Einstehen füreinander aus dem Bewusstsein gemeinsamer Interessen. Reicht von gegenseitiger Hilfe im Alltag bis zum gemeinsamen Streik.
- Tauschwert
- Der quantitative Aspekt des Wertes: in welchem Verhältnis eine Ware gegen andere getauscht werden kann. Ausgedrückt im Preis.
- Ware
- Ein Produkt, das nicht für den eigenen Gebrauch, sondern für den Tausch hergestellt wird. Sie vereint Gebrauchswert (Nützlichkeit) und Tauschwert (Wert im Verhältnis zu anderen Waren).