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Ware, Geld und Warenfetisch
Wie Wert erscheint: als Ware, als Geld, und warum uns das alles so natürlich vorkommt.
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Teil 1: Die Ware und die Wertform
Marx beginnt sein Hauptwerk Das Kapital nicht mit dem Staat und nicht mit dem Geld, sondern mit der Ware. Der erste Satz lautet: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung." Die Ware ist die Zelle, aus der sich alles Weitere entfalten lässt.
Aus Lektion 3 wissen wir schon: Jede Ware hat einen Gebrauchswert (sie ist zu etwas nütze) und einen Tauschwert (sie lässt sich gegen andere Waren tauschen). Der Wert selbst stammt aus der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit.
Jetzt kommt das Rätsel: Der Wert steckt zwar in der Ware, aber man sieht ihn nicht. Einem Mantel ist nicht anzusehen, wie viel Arbeit in ihm steckt. Wert ist nichts Stoffliches, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis. Damit er überhaupt zum Vorschein kommt, muss er ausgedrückt werden, und zwar immer in einer anderen Ware.
Marx nennt das die Wertform. Beispiel: "20 Ellen Leinwand sind 1 Rock wert." Der Wert der Leinwand erscheint hier im Rock, wie in einem Spiegel. Aus dieser einfachen Form entwickelt Marx Schritt für Schritt die allgemeine Wertform: Alle Waren drücken ihren Wert in einer einzigen Ware aus. Diese eine Ware wird zum allgemeinen Äquivalent, zum gemeinsamen Maßstab. Historisch ist das Gold geworden, allgemein gesprochen: das Geld.
Der entscheidende Gedanke: Wert ist keine Eigenschaft des Dings an sich, sondern ein Verhältnis. Eine Ware wird aus der Reihe herausgehoben und zum Spiegel, in dem alle anderen ihren Wert ablesen. Genau hier liegt der Keim des Geldes.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 1, Kap. 1 (1867); Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung (2004); David Harvey, A Companion to Marx's Capital (2010).
Teil 2: Das Geld
Wenn alle Waren ihren Wert in einer einzigen ausdrücken, dann ist diese eine das Geld. Geld ist also nicht vom Himmel gefallen und auch keine bloße Erfindung kluger Kaufleute, sondern das Ergebnis des Warentauschs selbst: die Ware, die zum allgemeinen Äquivalent geworden ist. Historisch übernahmen Edelmetalle wie Gold und Silber diese Rolle, weil sie haltbar, teilbar und überall begehrt waren.
Marx beschreibt mehrere Funktionen des Geldes:
- ▸Wertmaß: In Geld werden die Werte aller Waren als Preise ausgedrückt.
- ▸Zirkulationsmittel: Geld vermittelt den Tausch. Der normale Kreislauf ist W-G-W: Ich verkaufe eine Ware, um mit dem Geld eine andere zu kaufen, die ich brauche.
- ▸Schatzbildung: Geld kann aus dem Kreislauf herausgezogen und als Vermögen gehortet werden.
- ▸Zahlungsmittel: Über Kredit und Schulden wird erst später gezahlt.
Wichtig ist, was Geld nicht ist: ein neutraler "Schleier" über einem harmlosen Tauschhandel. In der Wirtschaftslehre hört man oft, Geld sei nur ein praktisches Schmiermittel. Marx widerspricht: Geld ist selbst ein gesellschaftliches Verhältnis. Wer Geld hat, hält einen Anspruch auf die Arbeit anderer in der Hand, also gesellschaftliche Macht.
Und hier kippt die Sache. Der gewöhnliche Kreislauf W-G-W dient dem Bedürfnis: verkaufen, um zu kaufen. Das Kapital kehrt ihn um zu G-W-G': Geld wird eingesetzt, um Waren zu kaufen (Arbeitskraft und Produktionsmittel) und am Ende mehr Geld herauszuholen. Geld, das Geld heckt. Genau dieser Umschlag führt vom bloßen Geld zum Kapital, und damit zurück zum Mehrwert aus Lektion 3.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 1, Kap. 2 und 3 (1867); Michael Heinrich, Wie das Marxsche Kapital lesen? (2008).
Teil 3: Der Warenfetisch
Jetzt kommt der rätselhafteste, aber vielleicht wichtigste Begriff: der Warenfetischismus.
Auf dem Markt erscheinen uns Dinge so, als hätten sie ihren Wert von Natur aus. Ein Preisschild wirkt wie eine objektive Eigenschaft der Ware, so selbstverständlich wie ihr Gewicht. Und wir Menschen treten zueinander nur noch über Dinge in Beziehung: über Waren, über Geld, über Preise.
Marx schreibt: "Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt." Mit anderen Worten: Hinter dem Tausch von Dingen stehen in Wahrheit Menschen und ihre Arbeit, aber das verschwindet aus dem Blick. Übrig bleibt die Beziehung zwischen Sachen.
Marx vergleicht das mit der Religion: Dort treten die eigenen Gedankenprodukte der Menschen, die Götter, ihnen als fremde, herrschende Mächte gegenüber. Beim Warenfetisch ist es ähnlich. Wir selbst stellen Waren und Geld her, doch sie erscheinen als eigenständige Mächte. Man sagt: "Der Markt verlangt" oder "die Märkte reagieren nervös", als wäre der Markt eine Naturgewalt statt das Ergebnis menschlichen Handelns.
Praktisch heißt das: Der Preis eines billigen T-Shirts zeigt uns nicht die Näherin in Bangladesch, nicht ihre Stunden, nicht ihren Lohn. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, wer für wen unter welchen Bedingungen arbeitet, verschwinden hinter dem schlichten Austausch von Gleichwertigem.
Ein wichtiger Punkt, den Michael Heinrich betont: Der Fetisch ist keine bloße Einbildung, die man jemandem ausreden könnte. Er entspringt der Art, wie der Markt tatsächlich funktioniert. Die Verschleierung ist real, sie steckt in der Struktur. Marx fasst es so: "Sie wissen das nicht, aber sie tun es." Damit ist die Brücke zur nächsten Lektion geschlagen: zur Ideologie und zu der Frage, warum uns der Kapitalismus so natürlich und alternativlos vorkommt.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 1, Kap. 1.4 (1867); Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie (2004); Stuart Hall, Schriften zu Ideologie.
Glossar zu diesem Abschnitt
Vollständiges Glossar →- Gebrauchswert
- Der qualitative Aspekt einer Ware: ihre Nützlichkeit. Ein Brot hat Gebrauchswert, weil es satt macht, unabhängig vom Preis.
- Geld
- Das allgemeine Äquivalent: die Ware, die als universeller Wertausdruck und Tauschmittel dient. Funktionen bei Marx: Wertmaß, Zirkulationsmittel, Schatzbildung, Zahlungsmittel.
- Ideologie
- Nicht bloß Lüge, sondern die Brille, durch die bestehende Verhältnisse als selbstverständlich und natürlich erscheinen. Die herrschenden Gedanken sind meist die Gedanken der Herrschenden.
- Kapitalismus
- Eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel in privatem Eigentum stehen und Güter auf Märkten gegen Profit produziert werden.
- Mehrwert
- Die Differenz zwischen dem Wert, den Arbeiter:innen schaffen, und dem Lohn, den sie dafür erhalten. Er ist die Quelle des Profits. Begriff von Karl Marx.
- Produktionsmittel
- Alles, was zur Herstellung von Gütern benötigt wird: Maschinen, Fabriken, Land, Rohstoffe. Wer sie besitzt, kontrolliert die Produktion.
- Produktionsweise
- Die Art, wie eine Gesellschaft das Nötige herstellt. Sie besteht aus den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. Beispiele für aufeinanderfolgende Produktionsweisen sind Sklaverei, Feudalismus und Kapitalismus.
- Schatzbildung
- Geld aus dem Tauschkreislauf herausziehen und als Vermögen horten. Eine der Geldfunktionen bei Marx.
- Staat
- Die Gesamtheit der Institutionen mit dem Gewaltmonopol (Recht, Polizei, Verwaltung). Marxistisch gesehen sichert er die Bedingungen der Kapitalakkumulation, ist aber ein umkämpftes Terrain.
- Tauschwert
- Der quantitative Aspekt des Wertes: in welchem Verhältnis eine Ware gegen andere getauscht werden kann. Ausgedrückt im Preis.
- Ware
- Ein Produkt, das nicht für den eigenen Gebrauch, sondern für den Tausch hergestellt wird. Sie vereint Gebrauchswert (Nützlichkeit) und Tauschwert (Wert im Verhältnis zu anderen Waren).
- Warenfetischismus
- Der Umstand, dass gesellschaftliche Beziehungen zwischen Menschen als Beziehungen zwischen Dingen erscheinen. Der Markt verschleiert die Arbeit, die hinter Waren und Preisen steckt.
- Wertform
- Die Form, in der der Wert einer Ware erscheint. Wert ist dem Ding nicht anzusehen und wird immer in einer anderen Ware ausgedrückt, letztlich im Geld.