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Kapitalismus verstehen
Was ist Kapitalismus, wie entstand er, und warum betrifft er uns alle?
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Teil 1: Wie entstand der Kapitalismus?
Kapitalismus ist kein Naturgesetz und kein ewiger Zustand der Menschheit. Er hat eine konkrete Geschichte und einen konkreten Anfang.
Im mittelalterlichen Europa lebten die meisten Menschen als Bauern auf dem Land. Sie hatten Zugang zu Gemeinschaftsgütern (sogenannten Commons): Wiesen, Wälder, Gewässer, die alle nutzen durften. Sie waren arm, aber nicht vollständig abhängig von Lohnarbeit, denn sie konnten zumindest einen Teil ihrer eigenen Nahrung produzieren.
Das änderte sich gewaltsam. In England setzte ab dem 15. Jahrhundert die sogenannte Einhegungsbewegung (Enclosures) ein: Adlige und wohlhabende Grundbesitzer trieben Bauern von den Commons, zäunten das Land ein und machten es zu Privateigentum. Was jahrhundertelang geteilt worden war, wurde zur Ware. Hunderttausende verloren ihre Lebensgrundlage.
Karl Marx nannte diesen Prozess die ursprüngliche Akkumulation (Das Kapital, Bd. 1, Kap. 24, 1867). Es war keine friedliche Entwicklung: "In der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation gilt als epochemachend alle Revolutionen, die der aufsteigenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen." Menschen wurden vertrieben, Gemeingüter privatisiert, Widerstand blutig niedergeschlagen.
Das Ergebnis: Eine Masse von Menschen ohne Eigentum, die nun ihre Arbeitskraft verkaufen mussten, um zu überleben. Und eine kleine Klasse mit konzentriertem Kapital, die diese Arbeitskraft kaufen konnte. Der Kapitalismus war geboren.
Quelle: Marx, Das Kapital, Bd. 1, Kap. 24 (1867); E. P. Thompson, The Making of the English Working Class (1963); Peter Linebaugh/Marcus Rediker, The Many-Headed Hydra (2000).
Teil 2: Was macht den Kapitalismus aus?
Kapitalismus ist nicht einfach "Marktwirtschaft" oder "wenn Menschen Sachen kaufen und verkaufen". Er hat drei strukturelle Merkmale, die ihn von anderen Wirtschaftsordnungen unterscheiden.
1. Privateigentum an Produktionsmitteln Fabriken, Maschinen, Boden, Software: all das, was zur Herstellung von Gütern gebraucht wird, befindet sich im Privateigentum einer Minderheit. Wer das besitzt, entscheidet, was produziert wird, zu welchen Bedingungen und für wen.
2. Lohnarbeit als Ware Die Mehrheit besitzt keine Produktionsmittel und ist daher gezwungen, ihre Arbeitskraft gegen einen Lohn zu verkaufen. Arbeit wird zur Ware. Sie hat einen Preis (Lohn), und dieser Preis ist wie jeder Warenpreis dem Marktdruck ausgesetzt: Angebot und Nachfrage, Konkurrenz unter Arbeitnehmer:innen.
3. Profit als Systemzwang Kapital folgt dem Schema G-W-G' (Geld → Ware → mehr Geld). Wer Kapital einsetzt, will am Ende mehr herausbekommen. Dieser Zwang ist kein moralischer Fehler einzelner Unternehmer:innen, sondern strukturell. Wer keinen Profit macht, verliert im Konkurrenzkampf und verschwindet vom Markt.
Diese drei Elemente bedingen sich gegenseitig: Das Eigentumsmonopol erzwingt Lohnarbeit, und Lohnarbeit erzeugt den Mehrwert, aus dem der Profit entsteht. Ohne Lohnarbeit kein Mehrwert, ohne Mehrwert kein Kapital, ohne Kapital keine Akkumulation, und der Kapitalismus würde aufhören zu funktionieren.
Quelle: Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848); David Harvey, A Companion to Marx's Capital (2010); Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit (2013).
Teil 3: Kapitalismus heute, wo wir stehen
Kapitalismus ist nicht statisch. Er hat sich in den letzten 200 Jahren mehrfach gewandelt: von frühindustriellem Raubbaukapitalismus über den sozialdemokratisch gezähmten Nachkriegskapitalismus bis zum heutigen Neoliberalismus.
Seit den 1970ern und 80ern, mit Thatcher in Großbritannien und Reagan in den USA als Vorreitern, setzte sich eine politische Strömung durch, die auf Deregulierung, Privatisierung und die Schwächung von Gewerkschaften setzte. Öffentliche Güter (Wasser, Wohnraum, Gesundheit, Bildung) wurden zunehmend dem Markt überlassen.
Die Folgen sind messbar:
- ▸Die reichsten 10 % in Deutschland besitzen etwa 67 % des Nettovermögens; die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitzt zusammen nur etwa 1 %. (Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW, 2023)
- ▸In Deutschland gibt es über 600.000 wohnungslose Menschen, ein historischer Höchststand. (Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, 2023)
- ▸Die Klimakrise ist zu wesentlichen Teilen auf den Wachstumszwang kapitalistischer Produktion zurückzuführen: Wachstum um des Wachstums willen, unabhängig von ökologischen Grenzen.
Kapitalismus ist also nicht "das Natürliche". Er ist eine historisch entstandene, durch Gewalt durchgesetzte und politisch gestützte Ordnung. Und was politisch gemacht wurde, kann politisch verändert werden.
Quelle: DIW Wochenbericht 4/2023 (Vermögensverteilung); BAGW Bericht zur Wohnungslosigkeit 2023; Jason Hickel, Less is More (2020); Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert (2014).
Glossar zu diesem Abschnitt
Vollständiges Glossar →- Akkumulation
- Das Ansammeln von Kapital durch kontinuierliche Reinvestition von Profit. Kapital muss wachsen oder verliert im Konkurrenzkampf.
- Geld
- Das allgemeine Äquivalent: die Ware, die als universeller Wertausdruck und Tauschmittel dient. Funktionen bei Marx: Wertmaß, Zirkulationsmittel, Schatzbildung, Zahlungsmittel.
- Kapitalismus
- Eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel in privatem Eigentum stehen und Güter auf Märkten gegen Profit produziert werden.
- Klasse
- Eine gesellschaftliche Gruppe, definiert durch ihr Verhältnis zu den Produktionsmitteln, nicht durch Einkommen, Bildung oder Status.
- Lohnarbeit
- Die Arbeit von Menschen, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und daher ihre Arbeitskraft als Ware an Kapitalisten verkaufen müssen.
- Mehrwert
- Die Differenz zwischen dem Wert, den Arbeiter:innen schaffen, und dem Lohn, den sie dafür erhalten. Er ist die Quelle des Profits. Begriff von Karl Marx.
- Neoliberalismus
- Eine seit den 1970ern dominante Variante des Kapitalismus: Deregulierung, Privatisierung öffentlicher Güter, Schwächung von Gewerkschaften, Vorrang des Marktes.
- Produktionsmittel
- Alles, was zur Herstellung von Gütern benötigt wird: Maschinen, Fabriken, Land, Rohstoffe. Wer sie besitzt, kontrolliert die Produktion.
- Ursprüngliche Akkumulation
- Der gewaltsame Prozess, durch den in der Frühzeit des Kapitalismus Bauern von ihrem Land und Gemeinschaftsgütern getrennt wurden. Begriff von Karl Marx (Das Kapital, Bd. 1, Kap. 24).
- Wachstumszwang
- Der eingebaute Druck des Kapitalismus, ständig zu wachsen und mehr zu produzieren, weil Stillstand im Konkurrenzkampf den Untergang bedeutet. Stößt auf die Grenzen eines endlichen Planeten.
- Ware
- Ein Produkt, das nicht für den eigenen Gebrauch, sondern für den Tausch hergestellt wird. Sie vereint Gebrauchswert (Nützlichkeit) und Tauschwert (Wert im Verhältnis zu anderen Waren).