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Was tun? Von der Analyse zur Praxis
Der Abschluss: von der Kritik zur Veränderung. Individuell, kollektiv, und mit langem Atem.
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Teil 1: Warum individuelle Lösungen nicht reichen
Sieben Lektionen lang haben wir analysiert, wie der Kapitalismus funktioniert. Jetzt die entscheidende Frage: Was folgt daraus? Was kann man tun?
Die häufigste Antwort lautet heute: Fang bei dir selbst an. Trenne deinen Müll, kauf bio und fair, fahr Rad, konsumiere bewusst, sei selbst die Veränderung, die du dir wünschst. All das ist nicht falsch, und es ist auch nicht schlecht. Aber als Strategie greift es zu kurz.
Der Grund steckt in allem, was wir gelernt haben. Die Probleme sind strukturell, nicht individuell. Ein einzelner Mensch, der weniger fliegt, ändert nichts am Wachstumszwang (Lektion 7). Eine einzelne Konsumentin, die fair einkauft, ändert nichts daran, dass 100 Konzerne den Großteil der Emissionen verursachen. Wer den Markt verlassen will, kann das als Einzelner kaum, weil er auf Lohnarbeit angewiesen ist (Lektion 2).
Schlimmer noch: Die Verlagerung der Verantwortung auf den Einzelnen ist selbst ein Teil der Ideologie (Lektion 5). Sie nennt sich Individualisierung. Wenn jeder glaubt, das Klima oder die Armut sei seine ganz persönliche Verantwortung, dann fühlt man sich schuldig, überfordert und ohnmächtig, und die eigentlichen Strukturen bleiben unangetastet. Der Konzern, der dir einredet, mit dem richtigen Produkt rettest du die Welt, lenkt damit auch davon ab, dass er das Problem mitverursacht.
Das heißt nicht, dass persönliches Handeln egal ist. Es heißt: Der Hebel, der wirklich etwas bewegt, ist nicht der Einkaufskorb, sondern das gemeinsame Handeln. Die Frage verschiebt sich von "Was kann ich anders kaufen?" zu "Was können wir zusammen verändern?"
Quelle: Stephan Lessenich, Neben uns die Sintflut (2016); Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise (2017); Kate Soper, Postwachstum und gutes Leben (2020).
Teil 2: Organisierung, die Macht der vielen
Wo liegt die Macht der Lohnabhängigen? Einzeln genommen ist sie klein: Wer kündigt, wird ersetzt. Aber gemeinsam sieht es anders aus. Wenn alle zusammen die Arbeit niederlegen, steht der Betrieb still. Das ist der Kern jeder Organisierung: Allein ist man ohnmächtig, organisiert ist man mächtig.
Die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung beweist das (Lektion 2). Der 8-Stunden-Tag, das Wochenende, das Streikrecht, die Sozialversicherung: nichts davon wurde geschenkt, alles wurde kollektiv erkämpft. Das wichtigste Werkzeug dafür war und ist die Organisation, vor allem die Gewerkschaft, und ihr schärfstes Mittel der Streik.
Diese Hebel gibt es auch heute, in vielen Arenen:
- ▸Im Betrieb: Gewerkschaft, Betriebsrat, gemeinsame Forderungen. Beschäftigte in Pflege, Logistik oder Erziehung haben in den letzten Jahren gezeigt, wie viel Druck Streiks erzeugen.
- ▸Beim Wohnen: Mieter:innen organisieren sich gegen Verdrängung. In Berlin stimmten beim Volksentscheid "Deutsche Wohnen und Co enteignen" im September 2021 rund 59 Prozent für die Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne, gut eine Million Stimmen.
- ▸In Bewegungen: Klimagerechtigkeit, Feminismus und Antirassismus bringen Menschen auf die Straße und in feste Strukturen.
- ▸In der Nachbarschaft: gegenseitige Hilfe und Solidarität, von der Volxküche bis zur Mietberatung.
All das ist zugleich der Aufbau von Gegen-Hegemonie (Lektion 5): In Gewerkschaften, Initiativen und im Alltag wird darum gerungen, was als möglich und normal gilt. Organisierung verändert nicht nur Kräfteverhältnisse, sie verändert auch die Menschen, die sich organisieren.
Quelle: Jane McAlevey, No Shortcuts (2016); Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (1848); amtliches Ergebnis des Berliner Volksentscheids (2021).
Teil 3: Reform, Revolution und der lange Atem
Bleibt die große Streitfrage der Linken: Reform oder Revolution? Soll man das System Schritt für Schritt verbessern oder grundlegend überwinden?
Um 1900 stritten darüber Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg. Bernstein setzte auf Reformen: Der Sozialismus komme allmählich, durch Wahlen, Gesetze und Gewerkschaften. Luxemburg hielt dagegen: Reformen allein ändern nicht, wem die Produktionsmittel gehören, und ohne diesen Bruch bleibt die Macht beim Kapital.
Aber Luxemburg stellte Reform und Revolution nicht als Entweder-oder gegeneinander. Ihre berühmte Antwort war die revolutionäre Realpolitik: Man kämpft sehr wohl für Reformen, für höhere Löhne, für bessere Gesetze, aber nicht als Selbstzweck. Reformen sind die Schule des Kampfes: Sie verbessern das Leben hier und jetzt, sie stärken Organisation und Selbstbewusstsein, und sie weisen über sich hinaus, auf eine grundlegend andere Ordnung. Der Kampf um das Erreichbare und das Ziel der Überwindung gehören zusammen.
Ehrlich bleiben muss man trotzdem: Es gibt kein Patentrezept und keine Garantie. Veränderung heißt dicke Bretter bohren, mit Rückschlägen, Streit und Geduld. Niemand hat den fertigen Bauplan für die Gesellschaft von morgen.
Und doch ist das kein Grund zur Resignation, im Gegenteil. Alles, was wir gelernt haben, sagt: Die Verhältnisse sind gemacht, also veränderbar. Die Hegemonie ist umkämpfbar (Lektion 5). Krisen reißen Fenster auf (Lektion 6). Geschichte wird von Menschen gemacht, von Menschen wie dir.
Der erste, einfachste Schritt ist deshalb auch der wichtigste: nicht allein zu bleiben. Sich Wissen anzueignen, so wie hier, ist schon ein Anfang. Der zweite Schritt ist, andere zu finden: eine Gewerkschaft, eine Gruppe, eine Initiative. Eine andere Welt ist nicht garantiert. Aber sie ist möglich, und sie braucht dich.
Quelle: Rosa Luxemburg, Sozialreform oder Revolution? (1899); Eduard Bernstein, Die Voraussetzungen des Sozialismus (1899); Erik Olin Wright, How to Be an Anticapitalist (2019).
Glossar zu diesem Abschnitt
Vollständiges Glossar →- Gegen-Hegemonie
- Der Aufbau einer alternativen kulturellen und moralischen Führung von unten, um den herrschenden Alltagsverstand zu verschieben.
- Gewerkschaft
- Kollektive Organisation von Lohnabhängigen zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen gegenüber Arbeitgebern.
- Hegemonie
- Herrschaft, die sich vor allem durch Zustimmung und kulturelle Führung hält, nicht nur durch Zwang. Begriff von Antonio Gramsci.
- Ideologie
- Nicht bloß Lüge, sondern die Brille, durch die bestehende Verhältnisse als selbstverständlich und natürlich erscheinen. Die herrschenden Gedanken sind meist die Gedanken der Herrschenden.
- Individualisierung
- Die ideologische Verlagerung struktureller Probleme (Klima, Armut) auf die Verantwortung des Einzelnen. Erzeugt Schuld und Ohnmacht und lenkt von den Strukturen ab.
- Kapitalismus
- Eine Wirtschaftsordnung, in der Produktionsmittel in privatem Eigentum stehen und Güter auf Märkten gegen Profit produziert werden.
- Lohnarbeit
- Die Arbeit von Menschen, die keine eigenen Produktionsmittel besitzen und daher ihre Arbeitskraft als Ware an Kapitalisten verkaufen müssen.
- Organisierung
- Der Zusammenschluss von Menschen zu gemeinsamem Handeln. Grundprinzip: allein ohnmächtig, organisiert mächtig. Grundlage jeder erfolgreichen sozialen Bewegung.
- Produktionsmittel
- Alles, was zur Herstellung von Gütern benötigt wird: Maschinen, Fabriken, Land, Rohstoffe. Wer sie besitzt, kontrolliert die Produktion.
- Revolution
- Der grundlegende Umsturz der bestehenden Eigentums- und Machtverhältnisse, im Unterschied zur bloßen Reform innerhalb des Systems.
- Revolutionäre Realpolitik
- Rosa Luxemburgs Verbindung beider Seiten: für Reformen kämpfen, aber nicht als Selbstzweck, sondern als Schule des Kampfes, die über das System hinausweist.
- Solidarität
- Das Einstehen füreinander aus dem Bewusstsein gemeinsamer Interessen. Reicht von gegenseitiger Hilfe im Alltag bis zum gemeinsamen Streik.
- Streik
- Die gemeinsame Niederlegung der Arbeit, das schärfste Druckmittel der Lohnabhängigen. Macht die Abhängigkeit des Kapitals von der Arbeit sichtbar.
- Vergesellschaftung
- Die Überführung der Produktionsmittel, also Fabriken, Boden und Kapital, aus privatem Eigentum in gemeinsames, gesellschaftliches Eigentum, damit das, wovon alle leben, auch von allen gemeinsam verwaltet wird. In Marx Theorie ein Kernschritt des Übergangs zur neuen Gesellschaft.
- Wachstumszwang
- Der eingebaute Druck des Kapitalismus, ständig zu wachsen und mehr zu produzieren, weil Stillstand im Konkurrenzkampf den Untergang bedeutet. Stößt auf die Grenzen eines endlichen Planeten.